TalentAward Ruhr

Die TalentMetropole Ruhr zeichnet jedes Jahr Menschen aus, die sich für Bildung im Ruhrgebiet einsetzen. Der TalentAward Ruhr würdigt dabei Nachwuchsförderer, die in der ersten Reihe andere dabei unterstützen, ihre Talente zu entdecken und zu stärken.

Preisträger Dr. Ingo Tausendfreund

Technische Berufliche Schule I, Bochum

RuhrChemAlytic eSG – Schüler leiten ihre eigene Chemiefirma

Physik? Chemie? Wenn diese Fächer auf dem Stundenplan stehen, sind die wenigsten Schüler voll bei der Sache. „Zu kompliziert, zu lernintensiv“, stöhnen sie dann. Dr. Ingo Tausendfreund, 43, kennt diese Klagen. Als Lehrer für Chemie und Chemietechnik an der Technischen Beruflichen Schule 1 des Berufskollegs der Stadt Bochum hat er zwar das Glück, mit Schülern zu tun zu haben, die auf eine naturwissenschaftliche Ausbildung setzen.

Und doch muss er sich immer wieder etwas einfallen lassen, um das Interesse der jungen Leute wach zu halten. Zum Beispiel ein Kriminalprojekt, bei dem die Schüler einen fiktiven Mordfall durch forensische Analysen aufklären.

Das war vor zehn Jahren. Angespornt durch dieses Projekt entstand eine Chemie-Arbeitsgemeinschaft, die 2009 in eine eingetragene Schülergenossenschaft namens RuhrChemAlytic eSG (RCA) mündete. Die RCA ist die einzige Schülergenossenschaft auf dem Feld der Chemie in Deutschland und ein als Schulprojekt angelegtes Unternehmen, mit allem was dazu gehört: Business-Plan, Gewinn- und Verlustrechnung, Vorsitzendem und Aufsichtsrat. „Wir sind spezialisiert auf Wasser- und Lebensmittelanalytik“, erläutert Tausendfreund. Er verantwortet den Laborbereich, alles Übrige erledigen die Schüler. So stärken sie nicht nur ihre naturwissenschaftlichen Fähigkeiten, sondern gewinnen auch soziale und betriebswirtschaftliche Kompetenzen. Vielen Schülern macht die Mitarbeit so viel Spaß, dass sie sich später für ein Physik-, Chemie-, Biologie- oder Ingenieurstudium entscheiden – Fächer, vor denen die meisten Altersgenossen zurückschrecken.

Ingo Tausendfreund ist weit mehr als ein Lehrer. Er ist Ideengeber, Antreiber und Unterstützer seiner Schüler – und das häufig auch in seiner Freizeit. Inzwischen hat die RCA eine Größenordnung erreicht, dass er froh wäre, ein wenig Verantwortung abgeben zu können. „Wir arbeiten an der Kapazitätsgrenze“, sagt der gebürtige Essener. Die Schülergenossenschaft bietet Privatpersonen, Institutionen und Unternehmen die Möglichkeit, Wasser- und Lebensmittelproben auf verschiedene Parameter wie organische Spurenbestandteile, Schwermetalle und Mineralstoffe untersuchen zu lassen. Größter Auftraggeber ist der unmittelbare Nachbar: Für die Privatbrauerei Moritz Fiege überwacht die RCA unter anderem Gärprodukte in Bier. Zu den Kunden zählen auch die Herner Gysenberghallen. Sie haben die Schüler beauftragt, die Funktion der Enthärtungs- und Brunnenanlage zur Eisbereitung für die Eislaufbahn zu überwachen. Dazu kommen zahlreiche Privatpersonen, die ihr Trinkwasser auf Schadstoffe untersuchen lassen. „Viel Werbung müssen wir nicht machen“, meint Tausendfreund.

Aus steuerrechtlichen Gründen darf die RCA für ihre Wasseranalysen keine Gebühren verlangen. Stattdessen werden die Auftraggeber um eine Spende zur Finanzierung der Verbrauchsmaterialen gebeten. Überschüsse stecken die Schüler vor allem in die Entwicklung kleiner Forschungsprojekte, mit denen sie auch an Wettbewerben teilnehmen.

Um Nachwuchs für die Schülerfirma ist Ingo Tausendfreund nicht bange. „Angefangen habe ich mit einer Handvoll Schülern. Aber inzwischen hat sich herumgesprochen, was wir machen“, erzählt er. Zur jährlichen Auftaktveranstaltung der RCA kommen üblicherweise 40 bis 50 Jugendliche. Nach ein paar Wochen hat sich dann meist ein harter Kern von 10 bis 15 Schülern gebildet, die engagiert mitarbeiten. Seit dem Start haben mehr als 120 junge Leute an dem Projekt teilgenommen. Zu vielen von ihnen hält Ingo Tausendfreund weiter Kontakt.

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