Mohamad – Geglückter Neustart im Ruhrgebiet

Mohamad Hosam Kshits Leben in Deutschland startete Ende 2015 in einem Flüchtlingslager in Münster. 20 Tage verbrachte der gebürtige Syrer dort mit seinen Eltern und Geschwistern, bis die Behörden entschieden, den Kshits in Datteln eine langfristige Perspektive zu bieten. Heute, viereinhalb Jahre, später ist der 16-Jährige endgültig angekommen: Er schreibt gute Noten, gibt Mitschülern an der Städtischen Realschule Nachhilfe in Mathematik, engagiert sich bei der örtlichen Caritas und ist ehrenamtlich beim Technischen Hilfswerk aktiv. „Mein Ziel im Leben ist es, nie stehenzubleiben. Ich möchte am liebsten jeden Tag etwas Neues lernen, mich weiterbilden und anderen Menschen helfen“, sagt Mohamad.

Der junge Mann mit dem sympathischen Lächeln ist froh, in Datteln endlich wieder zur Schule gehen zu dürfen. Durch den Krieg und die Fluchterfahrung hat er Bildung sehr zu schätzen gelernt: „Als ich in der 4. Klasse war, sind wir aus Nordsyrien in den Libanon geflohen. Dort durfte ich aber nicht zur Schule gehen. Das waren zwei harte Jahre für mich.“ Im Ruhrgebiet angekommen, feilt Mohamad direkt an seinen Deutschkenntnissen. „Bevor ich hier zur Schule gehen konnte, habe ich jeden Tag Deutschvideos auf meinem mitgebrachten Tablet aus Syrien geschaut und Vokabeln gelernt. Dafür musste ich immer mit dem Fahrrad in die Stadt fahren, weil wir am Anfang in unserer Wohnung keinen Internetzugang hatten. Aber so bin ich direkt mit vielen Menschen ins Gespräch gekommen. Das hat mir sehr geholfen“, betont Mohamad.  Im nächsten Jahr möchte er seinen Realschulabschluss machen, um dann für sein Abitur aufs Gymnasium zu wechseln. Dann will er studieren – was, weiß er noch nicht: „Ich interessiere mich für viele Bereiche: Egal ob Handwerk, Sprachen oder Informatik – am liebsten möchte ich alles lernen.“

Während seine Mitschülerinnen und Mitschüler in den Ferien verreisen, macht Mohamad lieber Praktika – oder nimmt an Projekten wie dem TalentCamp Ruhr teil. „Unsere Schulsozialarbeiterin Frau Mücke hat mich 2019 für das Ferienprogramm empfohlen. Es war eine tolle Zeit. Im Upcycling-Workshop habe ich gelernt, wie man eine Kreissäge bedient. Das war eine super Sache.“ Große Freude bereiteten ihm auch sein Englisch-Kurs an der Volkshochschule in Datteln und sein Arabisch-Kurs in Bochum. „Den mache ich, um mir meine Muttersprache als offiziell anerkannte Sprache anrechnen zu lassen. Das ist mir wichtig“, sagt er. Seine Eltern unterstützen ihren ehrgeizigen Sohn. „Sie haben mich von Anfang an motiviert und sind immer da, wenn ich sie brauche. Dafür bin ich sehr dankbar.“

Dankbar ist Mohamad auch dafür, seit Mai 2020 am Stipendienprogramm RuhrTalente der Westfälischen Hochschule teilnehmen zu können. Das Programm begleitet Kinder und Jugendliche ab der 8. Klasse schulformübergreifend mit praktischen Angeboten und regelmäßiger Beratung und wird von der RAG-Stiftung als Ankerstiftung finanziert. Als RuhrTalent möchte Mohamad unbedingt im Handlungsfeld „Politik und Gesellschaft gestalten“ aktiv werden und an einem Demokratie-Workshop teilnehmen. „Unsere Welt ist leider nicht gerecht. Ich möchte im Austausch mit anderen gerne Konzepte entwickeln, um das zu ändern.“ Anfangen würde er da gerne in seiner neuen Heimatstadt, weil man die Angebote für Jugendliche in Datteln „noch verbessern kann“, sagt er. Ab 20 Uhr seien kaum Busse mehr unterwegs, der Bahnhof für den Zugverkehr sei seit Jahren stillgelegt. „Darüber könnten wir jungen Menschen ja mal mit Politikerinnen und Politikern sprechen, eigene Vorschläge machen und eine Lösung finden. Ich helfe gerne mit“, betont Mohamad.

Stand: Sommer 2020