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TalentAward Ruhr

TalentAward Ruhr: Preisträger:innen 2025

Bei der Preisverleihung 2025 wurden drei Preisträger:innen im ruhr tech kampus Essen ausgezeichnet.

Dr. Jana Emmrich, VEST ohne Grenzen e.V.

Lokal agieren, unbürokratisch helfen, individuell fördern.

Unbürokratische Unterstützung und individuelle Förderung – das bietet der Verein VEST ohne Grenzen e.V. aus Marl Kindern mit Flucht- und Migrationshintergrund, damit sie bestmöglich im neuen Land ankommen können. Dabei geht es zum Beispiel um die Vermittlung von Sprach- oder Nachhilfeunterricht, aktive Freizeitgestaltung, die Finanzierung von Büchern, Sportschuhen oder Musikunterricht sowie die Begleitung von Eltern bei Behördengängen. Der Verein hilft zugewanderten Familien zielgerichtet und bedarfsorientiert – unkompliziert und nah an der Lebensrealität.

VEST ohne Grenzen e.V. wurde 2022 von Dr. Jana Emmrich, einer Russisch- und Musiklehrerin aus Marl, als Reaktion auf den Angriffskrieg gegen die Ukraine gegründet. „Ich war damals so geschockt, dass ich mir gesagt habe: Jetzt muss ich auch aktiv werden“, erinnert sich die vierfache Mutter. Kurzerhand setzt sie sich mit Freunden zusammen, erstellt mit ihnen gemeinsam eine Satzung und schreibt Anträge – Ende März ist der Verein bereits gegründet. Ziel ist es, Kinder mit Zuwanderungsgeschichte zu fördern – nicht nur sprachlich oder in ihrer schulischen Laufbahn, sondern vor allem in ihren individuellen Talenten. „Zunächst haben wir uns natürlich auf die Ukrainer:innen konzentriert, grundsätzlich richten wir uns aber an alle Kinder, die hier ankommen – unabhängig von Aufenthaltsstatus oder Herkunft“, betont Emmrich. VEST ohne Grenzen e.V. agiert lokal und gibt die gesammelten Spenden direkt an Familien mit Unterstützungsbedarf weiter – transparent und ohne Verwaltungskosten. „Mich haben 2022 so viele Menschen gefragt, wohin sie spenden sollen. Ich möchte, dass wir mit unserer Vereinsarbeit auch sehen, wo das Geld ankommt“, erklärt Emmrich.

Wie es sich anfühlt, in einem fremden Land ohne Sprachkenntnisse neu anzufangen, weiß die heute 50-Jährige aus eigener Erfahrung: Mit 17 Jahren kam sie gemeinsam mit ihren Eltern aus Russland nach Deutschland – mitten in der Pubertät und nicht ganz freiwillig. Ein wichtiger Ankerpunkt in ihrem Leben war schon damals die Musik, die heute auch ein wesentlicher Bestandteil ihrer Vereinsarbeit ist. Als Pianistin und Chorleiterin setzt sie sich leidenschaftlich für musikalische Bildung ein. Sie kennt die positiven Effekte auf Kinder und Jugendliche: „Musik ist für die Integration wichtig, weil vieles unterschwellig geschieht. Wenn Kinder singen, verlieren sie Hemmungen und lernen dabei auch die Sprache.“

Ein Beispiel ist die achtjährige Kaycee: Anfangs sprach sie kaum ein Wort und war sehr schüchtern. Durch ihre Teilnahme am Chor blühte sie auf, lernte spielerisch Deutsch und bittet heute regelmäßig um ein Solo. Einer anderen Schülerin konnte durch den Verein Schlagzeugunterricht ermöglicht werden – ein wichtiges Ventil, um ihre Wut gesund zu verarbeiten. Beim gemeinsamen Musizieren lernen die Kinder zudem soziale Kompetenzen: Zuhören, aufeinander eingehen, im Team agieren – alles Fähigkeiten, die auch außerhalb der Musik wichtig sind.

Was Emmrich im Chor vermittelt, prägt auch ihre pädagogische Arbeit: Jedes Kind soll individuell wahrgenommen und gefördert werden – ob musikalisch, sportlich oder schulisch. Sie ist überzeugt: Jedes Kind trägt ein Talent in sich, das sich in einem unterstützenden Umfeld entfalten kann.

Ein wesentlicher Bestandteil der Vereinsarbeit liegt zudem in der Integrationshilfe und Förderung gesellschaftlicher Teilhabe. Veranstaltungen und Aktivitäten bieten Raum für Begegnung – etwa beim Kinderkarneval, wo zugewanderte Familien ein Stück deutscher Kultur kennenlernen. Ziel ist, dass sich alle als Teil der Gemeinschaft verstehen – Ausgrenzung und Abgrenzung sollen so vermieden werden.

„Dass ich mich heute ehrenamtlich engagiere, hat mit meiner Geschichte zu tun. Ich wurde selbst gefördert – von meiner Mutter, aber auch nach unserer Ankunft in Deutschland. Heute stehe ich fest im Leben und möchte etwas zurückgeben.“ Ihr Motto: Gutes tun – und darüber reden. Ganz nebenbei dokumentiert sie die Vereinsarbeit auf Facebook und Instagram, komponiert einen Vereinssong und gestaltet Werbematerialien. Sie weiß, wie wichtig es ist, die Arbeit des Vereins sichtbar zu machen und freut sich zugleich darüber, wenn sie andere zum Mitmachen motiviert. Für die Zukunft ihres Vereins wünscht sie sich vor allem Menschen, die mit anpacken, sowie eine langfristige finanzielle Förderung. „Eigentlich könnten wir noch viel mehr machen, aber wir sind zu wenige. Ich würde mich freuen, auch mal ein paar Aufgaben abgeben zu können“, sagt die engagierte 50-Jährige mit einem Lächeln.

Berat Davulcu, Islamische Gemeinde Röhlinghausen

Talentscouting trifft Jugendarbeit: Talentförderung durch eine starke Gemeinde

Jeden Samstag treffen sich Schüler:innen unterschiedlichen Alters in den Räumlichkeiten der islamischen Gemeinde Herne-Röhlinghausen, um für die Schule zu lernen. Bei Tee, Snacks und entspannter Atmosphäre holen sie gemeinsam mit Nachhilfelehrer:innen den Schulstoff nach, der ihnen schwerfällt, oder bereiten sich bedarfsgerecht auf Prüfungen vor – und das alles kostenfrei. Viele der Jugendlichen kommen sogar aus Nachbarstädten wie Gelsenkirchen und Bochum, das Angebot hat sich längst herumgesprochen.

Ins Leben gerufen wurde das Projekt „Talentscouting trifft Jugendarbeit“ vom 25-jährigen Berat Davulcu. Er selbst ist in der Gemeinde aufgewachsen. Im Alter von 15 Jahren nahm er an einer Ausbildung für ehrenamtliches Engagement in der Jugendarbeit teil und wurde Jugendleiter. „Mein Berufswunsch war damals Lehrer“, erzählt der heutige Heil- und Inklusionspädagoge: „Ich wollte jungen Menschen etwas beibringen.“

Aus eigener Erfahrung weiß er, wie wichtig es ist, Kinder zu fördern und auf ihrem individuellen Bildungsweg zu begleiten – gerade beim Übergang von der Schule in den Beruf oder ins Studium. Nach dem Fachabitur war er zunächst orientierungslos. Für ihn stand jedoch fest: Er möchte studieren. Doch sein Notenschnitt reichte nicht ganz für das erhoffte Studium im sozialen Bereich. Bei seiner Suche nach Möglichkeiten stieß er auf das Talentscouting der Ruhr-Universität Bochum. Darüber erhielt er wichtige Impulse und nahm anschließend zusätzlich eine Studienberatung in Anspruch.

Heute begegnet er oft Jugendlichen, die nicht wissen, wie es nach der Schule weitergeht. Dann kann er seine Erfahrungen weitergeben und auf entsprechende Hilfs- und Beratungsangebote verweisen. „Ich bin selbst ein Arbeiterkind gewesen und habe schon in meiner Schulzeit einen Unterschied zu Mitschüler:innen wahrgenommen, die zum Beispiel in einem Akademikerhaushalt großgeworden sind“, erzählt Davulcu. „Mir haben das Wissen über Studienmöglichkeiten und -bedingungen gefehlt oder auch bestimmte Kontakte. Viele haben keine Ahnung von BAföG oder Stipendien. Damals habe ich gedacht: Jeder sollte eine Chance und den Zugang zu Bildung erhalten – auch wenn jemand einen Migrationshintergrund hat oder aus seinem Land flüchten musste.“

Durch das kostenlose Nachhilfeangebot möchte Davulcu seinen Teil zu mehr Chancengerechtigkeit beitragen. Und der Erfolg gibt ihm recht: Der geflüchtete Ahmed Zito war anfangs Nachhilfeschüler in der Gemeinde und unterstützt heute jüngere Schüler:innen in Mathematik. So wird er selbst zum Vorbild und trägt die Arbeit der Gemeinde weiter. Bisher konnten rund 100 Kinder und Jugendliche von dem Angebot profitieren, das auch Workshops zu Lernstrategien, Zeitmanagement und Motivation umfasst. Für Davulcu ist das schönste Feedback für seine Arbeit, wenn Nachhilfeschüler:innen das Abitur bestanden haben und stolz davon berichten oder wenn Eltern von einem besseren Lernverhalten und wachsenden Selbstvertrauen ihres Kindes erzählen.

Doch die Kinder und Jugendlichen werden in der islamischen Gemeinde Herne-Röhlinghausen nicht nur durch Lernförderung und Angebote zur Berufs- und Studienorientierung unterstützt. Sie sind auch in eine starke Gemeinschaft eingebunden, die ihnen Rückhalt und Orientierung bietet. Davulcu ist einer von mehreren Mentor:innen, die stets ein offenes Ohr für die Heranwachsenden haben – auch bei privaten Problemen. Außerdem stärken Freizeitaktivitäten wie Tischtennisspielen, gemeinsame Kinobesuche oder das stadtweite Iftar-Essen das Miteinander. In der Gemeinde werden die Jugendlichen oft selbst aktiv und engagieren sich bei Aktionen wie Spendensammeln für die Menschen in der
Ukraine. So schulen sie ihre sozialen Kompetenzen und lernen mehr als nur den Unterrichtsstoff.

Bekannt ist die Gemeinde zudem für ihre interreligiöse Arbeit. Durch Kooperationen mit christlichen Gemeinden, vereinte Friedensgebete oder Vorträge an Schulen sollen Brücken gebaut und Gemeinsamkeiten betont werden. Das Ziel: eine starke Gemeinschaft, die sich gegenseitig unterstützt, auch in Krisenzeiten. Die Gemeinde schaut hin, geht auf Bedarfe ein und versucht, den Menschen vor Ort Hilfestellungen zu leisten.

Für den Heil- und Inklusionspädagogen ist die Arbeit in der Gemeinde eine Herzensangelegenheit: „Mir macht meine ehrenamtliche Tätigkeit Spaß, das ist für mich wie Stressabbau – hier kann ich mich einbringen und zugleich abschalten.“

Pourya Solizadeh, Sparringpartnerforyou e.V.

Inklusion im Kampfsport

Die 24-Jährige Larissa ist nervös. An diesem Samstag im Winter 2024 steht sie in der Sportnordhalle 3 in Dortmund und fiebert auf eine sportliche Herausforderung hin, für die sie lange trainiert hat. Rund 3.600 Augenpaare können sie dabei beobachten, wie sie in den Boxring steigt. Die Besonderheit? Larissa hat eine geistige Behinderung und tritt heute beim ersten Inklusiven Kampfsportturnier gegen einen Gegner ohne Behinderung an. Initiiert wurde die Veranstaltung vom Verein Sparringpartnerforyou e.V., der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe im Kampfsport zu ermöglichen. Für Larissa ist die Veranstaltung ein wichtiges Zeichen der Anerkennung, sie ist mittendrin, gehört dazu und meistert ihren Kampf schließlich – erschöpft, aber zufrieden – mit einem unentschieden. Die Erfahrung stärkt ihr Selbstbewusstsein und ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg ihrer persönlichen Entwicklung. „Menschen mit Behinderung wollen keine Sonderbehandlung“, erklärt Pourya Solizadeh, ehrenamtlicher Inklusionstrainer und Gründer des Vereins. „Bisher gab es Wettkämpfe für Menschen ohne Behinderung und Wettkämpfe für Menschen mit Behinderung – wir bringen alle zusammen.“

Der 27-Jährige ist mehrfacher Weltmeister in Muay Thai und Mitglied der deutschen Nationalmannschaft. Mit gerade einmal 17 Jahren floh er ohne seine Familie aus dem Iran. Angekommen in Deutschland überwindet er viele Hürden, um weiterhin im Kampfsport zu trainieren und eine Konstante in seinem Leben zu haben. „Heute trainiere ich viele 17-Jährige oder Jüngere“, erzählt Solizadeh. „Ich war auch einmal 17 und weiß: In dem Alter hat man kein Geld und oft können auch die Eltern das Training nicht bezahlen. Aber ich finde, wenn Jugendliche etwas für sich tun wollen, um weiterzukommen, dann sollte das gefördert werden. Deswegen ist unser Training bei Sparringpartnerforyou für alle kostenlos.“ Und eine weitere Überzeugung begleitet den Kampfsportler durchs Leben und formt sein späteres Trainingskonzept: „Beim Training sind wir alle gleich.“ Während er im Profisport weiter aufsteigt und Wettkämpfe außerhalb seiner Gewichtsklasse gewinnt, lernt er viel Konkurrenzkampf, Leistungsdruck und auch Intoleranz kennen. Aus seiner eigenen Biografie weiß er jedoch, dass Sport Brücken bauen und Menschen zusammenbringen kann. Sie können voneinander lernen und sich durch Offenheit für Neues persönlich weiterentwickeln. So fördert Solizadeh durch sein Engagement das Miteinander, die Chancengerechtigkeit und die Vielfalt der Gesellschaft.

Aufgewachsen ist der gebürtige Iraner in einer Kampfsportler-Familie – und mit einer Schwester mit Behinderung. Motiviert von dem Wunsch, sie miteinzubeziehen und positive Akzente in ihrem Leben zu setzen, beginnen Solizadeh, sein Vater und sein Bruder sie zu trainieren. Nach und nach kommen andere Menschen mit und ohne Behinderung dazu, trainieren gemeinsam und kämpfen gleichberechtigt gegeneinander. Diese Erfahrungen nimmt der Sportler mit nach Deutschland und schafft mit Sparringpartnerforyou e.V. einen Raum ohne Diskriminierung. „Oft besteht der Irrglaube, dass Menschen mit Behinderung sich nicht weiterentwickeln können – aber das ist falsch“, betont der 27-Jährige. „Wir haben damals schon motivierte Talente gesehen, man muss sie nur fördern.“ Gegründet wird der Verein in der Coronazeit, als viele Menschen mit Behinderung unter Einsamkeit leiden und Jugendlichen eine sinnvolle Beschäftigung und Perspektive fehlt. In der Turnhalle der Lessing-Grundschule am Dortmunder Hafen kommen sie zusammen – unabhängig von Alter, Herkunft, sozialem Hintergrund oder Beeinträchtigung.

Zwei Jahre später haben mehr als 200 Menschen im Verein trainiert und Sparringpartnerforyou e.V. veranstaltet das erste inklusive Kampfsportturnier mit einem speziell entwickelten Boxring. Dieser wurde mit hochschiebbaren Seilen konstruiert, sodass
erstmals auch Menschen im Rollstuhl in den Ring steigen und aktiv am Wettkampf teilnehmen können.

Die Veranstaltung ist nicht nur ein sportlicher Erfolg, sondern setzt auch ein wichtiges gesellschaftliches Signal: Inklusion ist machbar und hier sichtbar. Wie ein Kampf zwischen Menschen mit und ohne Behinderung funktioniert? Mit einem entsprechenden Matching der Kämpfer:innen vorab, so wie Menschen ohne Behinderung auch in ihrer jeweiligen Gewichtsklasse kämpfen.

Jeden Sonntag von 12 bis 15 Uhr findet das gemeinsame Training am Inklusionstag statt, alle trainieren unter den gleichen Bedingungen. Jede:r muss helfen und mit anpacken, als Vereinsmitglied erfüllen alle eine Aufgabe. Und im Anschluss wird gemeinsam gekocht und gegessen. „Bei uns erleben Menschen manchmal zum allerersten Mal, dass sie irgendwo dazugehören“, berichtet Solizadeh. Ehrenamtliches Engagement ist für ihn selbstverständlich: Selbst, wenn am Monatsende kein Geld mehr auf seinem Konto ist, trainiert er andere weiter. Für ihn gibt es keinen besseren Weg, seine Zeit zu investieren: „Wir verbringen eine gute Zeit, lachen zusammen und werden alle stärker – nicht schwächer.“

Veranstalter

Das Leitprojekt Bildung